Seit ungefähr zwei oder drei Wochen ist bei mir der Wurm drin. Beziehungsweise es muß eigentlich ein Hausgeist sein. Er hat sich mir leider noch nicht vorgestellt, aber ich weiß genau, er ist da. Ich werde ihn ab jetzt Archibald nennen.
Es hat alles angefangen mit einem Traum.
Ich träumte mal wieder ziemlich wirres Zeug – so wie immer eigentlich – als ich plötzlich mit rasendem Herzen aufwachte und dachte, es steht jemand neben mir. Und nein, er stand nicht nur neben mir, sondern er hat auch noch mit mir gesprochen. Was er genau gesagt hat, das weiß ich leider nicht mehr. Aber seitdem geht irgendwie alles schief.
Zum Beispiel der Herd. Schon zweimal war die falsche Platte an. Dadurch stand einmal fast die Wohnung in Flammen. Ich war in nem anderen Zimmer und auf einmal roch es ziemlich nach Rauch. Die ganze Küche war voll Rauch und auf der Herdplatte stand ne leere Schüssel, in der vorher Öl drin war. Hätte auch gut in Flammen aufgehen können. Unglaublich auch, wie lange sich so ein Brandgeruch noch in der Wohnung hält.
Dann natürlich die Lampen. Alle paar Tage knallen bei mir im Zimmer die Lampen durch und die Sicherung fliegt raus. Ich hab schon ein Glühbirnen-Abonnement mit dem hiesigen Baumarkt abgeschlossen.
Und wo wir schon bei Strom sind, immer wieder geht meine Stereoanlage von selber an und auch wieder aus. Irgendwann krieg ich noch mal nen Herzinfarkt davon.
Weiter geht´s mit den Türen. Die Türen, die normalerweise immer angelehnt sind, die sind plötzlich immer zu. Und die Tür zu meinem Zimmer geht unerklärlicherweise immer von selber auf.
Und dann passieren noch viele andere Kleinigkeiten. Dinge liegen plötzlich ganz woanders oder sind ganz weg. Gestern erst vertauschte er den Boden einer Backmischung mit dem Belag. Daß der Kuchen dann nichts geworden ist, das muß ich nicht extra dazu sagen, oder?
Und ich glaube, Archibald ist nicht nur ein Hausgeist, sondern er ist auch ein Autogeist. Ich hab das Gefühl, er fährt immer mit. Daß meine Lampen im Auto auch immer durchbrennen, muß ich ja auch gar nicht weiter erwähnen, oder? Aber nein, das ist nicht alles. Letztens hat er echt den Vogel abgeschossen.
Das tief versteckte großherzige Wesen in mir war mal wieder so nett und hat sämtliche Menschen heimgefahren. Sogar einen Menschen, den sie gar nicht kennt. So weit so gut. Hm, und was macht mein lieber Archibald? Auf dem Weg zum Hause des ersten Menschen führt er mich geradewegs in eine Polizeikontrolle.
Das ist ja an sich kein Problem.
Ein kleines Problem ist es aber vielleicht, wenn Archibald mal wieder zwei Lampen am Auto ausgeknipst hat. Es ist vielleicht auch nur ein Problem, wenn man das Auto voll mit besoffenen Menschen hat. Es ist vielleicht dann erst recht ein Problem, wenn diese besoffenen Menschen zudem auch noch Schwerter und Dolche und weitere Utensilien mit sich führen. Und es ist vielleicht auch dann ein Problem, wenn die Fahrerin – in diesem Falle ich – zwar einen Führerschein besitzt, dieser ihr aber seit geraumer Zeit gestohlen wurde und sie ihn nicht hat nachmachen lassen. Hm.
Nun gut, ich versuchte es also mit entwaffnendem Charme. Irgendwann vor langer Zeit hat mal jemand behauptet, ich besäße sowas. Also gut, warum nicht gleich ausprobieren? Nach einer Weile, einem Alkoholtest (nein, ich schreibe jetzt hier nichts vom Blasen) und ein paar Diskussionen später konnten wir dann weiterfahren.
Aber Archibald wäre nicht Archibald, wenn er nicht noch was auf Lager hätte.
Der erste Mensch war gut zu Hause absetzt – bis auf einen kleinen Zwischenfall vor seinem Gartentor – und wir befanden uns auf dem Rückweg. Lächelnd und winkend fuhren wir an der Polizeikontrolle vorbei.
Plötzlich Lichtzeichen von hinten. Gut, dachte ich. Kein Problem, wir wurden ja erst kontrolliert. Aber nein, Archibald hatte auch noch die Drogenfahndung angerufen. Der gute Mann bat mich auszusteigen und stellte mir dann wirklich seltsame Fragen. (Nur für Frau A.S.: „Frau L., WANN war diese Party???“)
Unglaublich, was für Leute da arbeiten. Leute, die sich wirklich profilieren müssen. Nun gut, ich ließ mich davon nicht beeindrucken, blieb ganz cool und blitzte ihn mit meinen drogenfreien Augen an. Das irritierte ihn dann wohl ein wenig und er ließ uns dann schnell weiterfahren.
Archibald unterdessen füllte den zweiten Menschen im meinem Auto ohne mein Wissen wohl weiterhin schön mit Alkohol ab. Der Gute konnte sich aber doch noch artikulieren und bat mich doch schnellstmöglichst irgendwo anzuhalten, weil er wichtige Dinge hatte, die er sich noch durch den Kopf gehen lassen wollte. Tja, wenn ich denn nur hätte anhalten können. Nach einiger Zeit konnte ich aber dann anhalten und genau zwei Sekunden später kotzte sich der gute Mann die Seele aus dem Leib.
Archibald hatte dann aber ein Einsehen und ließ mich ohne weitere größere Zwischenfälle den zweiten und den dritten Menschen nach Hause fahren. Diese Nacht werde ich aber sicher nicht so schnell vergessen…
Inzwischen haben Archibald und ich Freundschaft geschlossen und ein Abkommen.
Er wird mich nur noch ein bißchen ärgern und ich geb ihm ab und zu was zu fressen und nenne ihn liebevoll Archi…
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