Ein Tag im späten Frühling. Man kann den Sommer schon riechen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, eine leichte Brise streift mich. In der Ferne verhallt leises Vogelgezwitscher.
Was sie wohl reden? Sind sie auch so aufgeregt wie ich? Es scheint so. Ich kann sie vor meinem inneren Auge sehen. Sie sitzen in der Baumkrone, beobachten das Geschehen und wünschen uns alles Gute…
Es ist angenehm warm. Mir ist nicht zu heiß. Nur im Inneren, da kocht ein Vulkan vor Aufregung. Eine winzige Schweißperle rinnt mir von der Schläfe. Hoffentlich hält das Make-Up und die Wimpertusche. Ich möchte nicht aussehen wie ein Waschbär.
Unsere Gäste haben ihre schönsten Sachen aus ihren Schränken gekramt und sie für uns angezogen. Zu dieser Jahreszeit braucht man nur ein leichtes Jäckchen. Aber sie haben sich dem Anlaß entsprechend sehr fein angezogen. Es glitzert und funkelt allerorten.
Die Gesellschaft erwartet gespannt die Ankunft der Braut. Meine Ankunft. Oh Gott, meine Ankunft..? Wie ist das denn passiert? Plötzlich und unerwartet und doch schon lange vom Schicksal geplant.
Leises Geflüster macht sich breit.
„Wie wird sie aussehen? Wie sieht das Kleid aus? Wird es farbig sein oder gar schwarz? Sie ist ja immer für Überraschungen gut. Oh, der Bräutigam sieht aber etwas nervös aus.“
Plötzlich verstummen alle, die Musik beginnt. Einige schmunzeln, andere schauen leicht entsetzt.
Denn natürlich ist es kein klassisches Trauungslied, was gespielt wird.
Ich nestle an meinem Kleid herum.
Mein Kleid.
Es ist cremeweiß und schulterfrei und hat durchsichtige Flügelärmel. Es wirkt leicht mittelalterlich angehaucht. Es ist hinten geschnürt wie eine Corsage und hat vorne einen wundervollen Ausschnitt. Es schmiegt sich eng um meine Taille, nach unten fällt es weiter und umspielt meine Knöchel, so daß meine wunderschönen Schuhe gut zu sehen sind.
Meine Haare trage ich offen und leicht gelockt, einige schwarze Strähnen sind durch rote Blumen gebändigt worden.
Ein keltisches Kreuz schmückt mein Dekolleté.
Mein Brautstrauß besteht aus Sonnenblumen. Diesen werde ich trocknen und nicht werfen.
Mit jedem Schritt auf meinem Weg werde ich glücklicher. Heute ist ein schöner Tag.
Und wie verabredet fange ich den Blick meines werdenden Ehemannes auf. Dieser sieht mich an, als wäre ich ein Engel. Mit seinen wunderbar blauen Augen sagt er: „Du bist meine Frau und ich werde Dich für immer lieben. Und darüber hinaus.“
Die Sonnenblume in seinem Knopfloch (und die in meinem Brautstrauß) haben wir selber gepflückt.
Hand in Hand im Sonnenblumenfeld.
Endlich stehe ich neben ihm. Ein Gefühl überbordender Liebe durchströmt alle Zellen meines Körpers.
Der Hohepriester legt unsere Hände übereinander und schlingt ein rotes Band darum.
Dieses Band wird nie durchtrennt werden.
Unsere Ringe tauschen wir mit zitternden Händen und bebenden Herzen. Die Ringe sind aus filigranem Gold und seltsam verschlungen, sie passen zu uns. Sie haben eine geheime Gravierung, die nur wir verstehen.
Meine Mama wischt sich leise schluchzend eine Träne aus den Augen.
Mein Stiefvater hält ihre Hand und lächelt sie an.
Meine kleinste Schwester streckt mir die Zunge raus.
Meine andere Schwester sitzt in ihrem Rollstuhl und lacht lauthals, wie sie es schon immer getan hat.
Mein Bruder hat sein eigenes Kind auf dem Arm und sein Blick sagt mir: „Bald hast Du auch eins.“
Meine Oma schaut mich stolz an und denkt sich: „Endlich. Daß ich das noch erleben darf…“
Die S….. sitzt da und staunt ungläubig und denkt: „Wow, diese Frau kann wirklich hellsehen…“
Kleine Kinder streuen Vergißmeinnicht auf den Weg in das Glück.
Unter zwei Bäumen, die sich an den Kronen berühren, machen wir wunderschöne Hochzeitsbilder.
Danach feiern wir mit unseren Gästen die ganze Nacht. Eine uns bekannte Band spielt auf zum Tanz.
Wir lassen uns nicht lange bitten und tanzen den schrägsten Hochzeitstanz der Welt.
Mein Mann wirkt glücklich wie nie.
Als die Sonne aufgeht, treffen sich unsere Blicke und wir können einander nicht widerstehen. Obwohl wir müde sind, lieben wir uns wild und leidenschaftlich unter schützenden Bäumen.
An diesem Morgen zeugen wir ein wunderschönes Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen. Sie wird in naher Zukunft immer ihren jüngeren Bruder ärgern und uns danach immer unschuldig anschauen.
Hand in Hand laufen wir barfuß durch´s Gras.
Wir sind endlich angekommen.
[#1888]