Mein ganzes Leben lang war ich eigentlich immer irgendwie auf der Flucht. Vor anderen und am meisten vor mir selber.
Früher ist meine Mama mit mir geflüchtet, weil meine Oma die Vormundschaft für mich übernehmen wollte.
Dann mußten meine Mama und ich öfter mal in der Nacht flüchten, weil mein 1. Stiefvater immer besoffen randalierte.
Dann sind wir in ein anderes Bundesland geflüchtet, 700km Abstand zwischen uns und dem Randalierer.
Dann wieder zurück.
Dann bin ich alleine die 700km wieder zurückgegangen, auf der Flucht vor irgendwas.
Dort angekommen – die nächste Flucht. Vor der Verantwortung. Für mich und mein Leben.
Und dann ging das Flüchten erst richtig los.
Ausreden, Ausflüchte, nicht erwachsen werden wollen.
Flucht vor Gedanken und Gefühlen.
Ein Selbstmordversuch. Flucht vor den inneren Dämonen.
Flucht in die Depression.
In eine Beziehung, die nicht richtig war.
Dann ein paar nette Jahre. Aber immer auf dem Sprung. Wie ein schwarzer Panther.
Ist ja auch meine Lieblingsfarbe. Schwarz. Flucht vor Farben, vor Freude.
Schwarz schluckt alles. Absorbiert und gibt nichts mehr her.
Dann ein Versuch mit Allein-Verantwortung.
Gescheitert.
Dann wieder ein paar nette Jahre.
Aber immer noch flüchtend. Auf nix einlassen wollen. Nähe wollen und sie gleichzeitig nicht zulassen wollen/können.
Wieder gescheitert.
Noch mehr Flucht. Untergang. Tiefpunkt.
Dann ein kleiner Lichtblick.
Und ein noch schlimmerer Tiefpunkt.
Die Tasche immer in Griffweite dabei. Bereit zu gehen. Das Auto immer vor der Tür. Bereit zu fahren. Mrs. Thiara auf der Flucht, der Film meines Lebens.
Mein Ex hat mich letztens zum Nachdenken gebracht. Er sagte mir, daß ich ja nie irgendwo aufladen konnte. Selbst in unserer Beziehung nicht. Ich wollte/konnte nie loslassen. Mein Inneres loslassen und es zum Beispiel in seine Hände legen. Wie man das ja wohl mal macht. Er meinte, ich konnte auch nie lange in seinen Armen liegen, ohne unruhig zu werden. Und er hat recht damit. Das konnte ich wirklich nicht. Das konnte ich bei keinem.
Immer diese innere Unruhe. Ein Gefühl wie eine Getriebene. Getrieben von was? Von mir selber.
Er meinte, das wäre sehr schwierig für ihn gewesen. Verstehe ich ja auch. Dann hat er noch was gesagt, was mich wirklich zum Nachdenken gebracht hat.
Er meinte, wenn ich mal so was finden würde, dann wäre alles gut. Wenn ich bei jemanden loslassen könnte. Wenn ich stundenlang bei jemanden im Arm liegen könnte, ohne unruhig zu werden. Wenn ich dort auftanken könnte. Dann wäre alles gut. Ich sollte mal drüber nachdenken, ob ich das überhaupt könnte. Und bei wem.
Nun.
Was soll ich sagen.
Es traf mich wie ein Blitz.
Ich kann das. Bei jemanden. Stundenlang. Tagelang. Ohne unruhig zu werden. Ohne meine Tasche nur einmal zu suchen. Ohne Schminke. Ohne doppelten Boden. Ohne alles. In Ruhe. In Geborgenheit. Loslassen. Alles. In Liebe. Ohne Auto vor der Tür. Ohne Angst. Ohne Widerstand. Aufladen.
Ich habe meine persönliche Tankstelle gefunden.
Doch ich befürchte, diese ist gerade wegen Restaurationsarbeiten geschlossen…
[#2000]

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